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Bericht der Vikariatsgruppe

Reisebericht Studienreise Vikarskurs Ost-Nord 2013-2016

Wir, die Vikarinnen und Vikare des Kurses Ost-Nord 2013-2016 haben gemeinsam mit unserer Regionalmentorin Marlies Richter unsere Studienreise nach England unternommen. Allen, die uns dabei unterstützt haben, sind wir sehr dankbar. Im Folgenden erhalten Sie einen Eindruck von dem, was wir erlebt, erfahren und gelernt haben.

Montag, 4. Mai: Ankunft und erste Eindrücke
Jetzt geht es los! Am Flughafen Birmingham International hat sich die Reisegruppe vereinigt: Wir fünfzehn Vikarinnen und Vikare und unsere Regionalmentorin Marlies Richter sind in England angekommen. Wir gehören zum Vikarskurs Ost-Nord 13-16 und unsere Einsatzgemeinden liegen zwischen Lübeck und Greifswald. Einer unserer Kollegen hat sich, um seinen ökologischen Fußabdruck nicht unnötig zu vergrößern, dafür entschieden mit Zug und Bus anzureisen. Wir übrigen werden im Anschluss an unsere Reise aus demselben Grund mehrere Bäume pflanzen. Im Hotel hat uns Terry Bloor, Ökumenebeauftragter der Diözese Lichfield, freundlich empfangen. Er ist Pastor und area dean – in der Diözese Lichfield und sicher vor allem unseren Mecklenburgischen Leserinnen und Lesern bekannt. Er führte uns durch Lichfields Innenstadt, vorbei an “typisch englischen” Häuschen und hinauf zur Lichfield Cathedral. Wir freuen uns bis zum Ende unseres Aufenthaltes in Lichfield mit ihm unterwegs zu sein.

Dienstag, 5. Mai: Von MAP’s und Fresh Expressions in Lichfield

Wer noch nie in England war, und das sind aus unserer Gruppe einige Kolleginnen und Kollegen, konnte heute Morgen in den erstmaligen Genuss eines typisch englischen Frühstücks mit Baked Beans, Toast und Eggs kommen. Dann gingen wir bei windigem Wetter Richtung Kathedrale. Im Gemeindehaus empfingen uns Terry Bloor, David Cundill, Joshua Penduck und Gordon Banksmic. Wir feierten gemeinsam eine Andacht und baten Gott für seinen Segen für diesen Tag. Dann führte uns Gordon in seine Arbeit ein. Anhand eines Quadrats veranschaulichte er vier verschiedene Gemeindetypen: static (low vision, but well resources), sustainable (high vision, good recources), unsustainable (low vision, low resource) und strategic (high vision, few resources). Konkret ließen sich diese vier Typen folgenden Phänomenen der kirchlichen Landschaft zuordnen: Static sind Gemeinden, denen es eigentlich ganz gut geht, aber die sich auch nicht mehr weiterentwickeln, also stagnieren. Sustainable sind Gemeinden, die in der politischen Gemeinde gut vernetzt sind und auch aufgrund ihres hohen Finanzaufkommens attraktiv sind. Unsustainable sind Gemeinden, die weder bereit sind, sich zu verändern, noch sich in die politische Gemeinde zu integrieren. Und strategic sind Gemeinden, die vor allem aufgrund der Finanzknappheit ihrer Region kaum die Möglichkeiten haben, sich weiterzuentwickeln, die aber gut vernetzt und offen sind. In den Gesichtern konnte man deutlich ablesen, wohin wir unsere eigenen Ausbildungsgemeinden ordnen würden. Die Diözese Lichfield entwickelte diese vier Typen vor einigen Jahren aufgrund eines umfangreichen Veränderungsprozesses. Das Ziel für alle Gemeinden soll es nun sein sustainable zu werden. Dafür setzt sich Gordon ein. Er erstellt MAP – mission action plans. Diese Pläne beinhalten u.a. Ziele für einen umfassenden geistlichen Veränderungsprozess. Die Frage, die sich dabei immer für Gordon stellt, lautet: Was ist das Ziel, wenn man sich als christliche Gemeinschaft, als „god’s people“ versteht? Was will Gott, das seine „Herde“ tut? Gordon arbeitet dafür mit fümf Fragen: Who? Why? What? When? How? Diese fünf Fragen rahmen folgende Arbeitsfelder: discovering the heart of god, growing diciples, reach new generations, transform communities, practice generosity. Die sechs Fragen sollen helfen, diese fünf Aufgaben umzusetzen. Die Gemeinden beginnen bei ihrem „Ist-Zustand“, bei der Realität. Dann darf geträumt und visioniert werden. Anschließend müssen darauf aufbauend Ziele formuliert werden, und ein Plan erarbeitet, um dies konkret umzusetzen. Die Problematik, die wir auch von zu Hause kennen, ist aber auch hier virulent: Es ist auch hier schwer, Menschen „von Außen“ zu gewinnen und sie auch weiterhin für die Gemeinden zu begeistern. MAP wendet sich vor allem an Gemeinden, die static sind. Sie brechen dieses Statische, Festgefahrene, „in guter, alter Tradition“ Verhaftete auf, bieten neue Impulse, begleiten den Prozess supervisorisch und geistlich. Beispiele für neue Impulse waren: healing on the streets oder churching the women (D. h. Frauen und ihre Neugeborenen nach einer Niederkunft zu segnen – also ein Muttersegen). Bekannt war uns auch die zentrale Frage dieser Prozesse: Wie setzt man die ohnehin schon geringen Ressourcen am sinnvoll ein? Dabei wurde deutlich, dass es auch hier den solidarischen Grundgedanken, den wir vor allem aus dem Kirchenkreis Mecklenburg kennen, gibt. Über ein Umlageverfahren beteiligen sich alle Gemeinden an der Finanzierung. Weiter erfuhren wir an diesem Vormittag einiges über fresh expressions. Einigen von uns war diese Bewegung bereits bekannt, für andere war es Neuland. Fresh expressions haben sich in den 90er Jahren in der Church of England entwickelt. Kurz gesagt geht es darum, dass eine verfasste Kirche, mit liturgischen Formen aus dem 17. Jahrhundert aus der Sicht der fresh expressions-Gemeinden kaum Menschen unserer modernen Zeit erreichen kann. So gibt es eben keine feste liturgische Form bei den fresh expressions und es geht vor allem darum, Menschen für ein Leben mit Jesus zu begeistern. Dies geschieht durch eigenes Vorleben der entsprechenden Gemeindeglieder: Die Menschen merken, dass ich Christ bin, weil ich so bin, wie ich bin und nicht, weil ich es ihnen ständig „verkaufen will“ – so David. Unter www.freshexpressions.org.uk/guide/essential finden alle Interessierten Material, um sich einzulesen. Nachmittags fuhren wir mit unseren Mietautos zum National Memorial Arboretum. Das ist eine Gedenkstätte für alle Soldatinnen und Soldaten, die „für Krone und Vaterland“ ihr Leben ließen. Der Evensong in der Kathedrale zu Lichfield mit einem eindrucksvollen Chor war der wunderbare Abschluss dieses ersten Tages.
 
Mittwoch, 6. Mai: Die drei Kathedralen von Coventry
Am 14. November 1940 wurde die Industriestadt (früher Tuchmacherei, nach der Industrialisierung dann vor allem Motoren- und Automobilindustrie) durch deutsche Fliegerbomben zerstört. Seit dem Mittelalter bis in die Neuzeit gab und gibt es imposante Kathedralbauten in Coventry: Die benediktinische St. Mary’s Cathedral (Heinrich VIII. ließ sie zurückbauen.), die St. Michael’s Church aus dem 15. Jhd. (sie wurde beim Luftangriff 1940 zerstört.) und die moderne St. Michael’s Cathedral. Die benachbarte Holy Trinity Church blieb, wie durch ein Wunder, stehen. Pat, unsere Guide empfing uns in der „neuen“ Kathedrale. Sie erlebte den Bombenangriff nicht, aber dafür die Eröffnung der neuen Kathedrale am 30. Mai 1962. Während sie uns an diesem Vormittag begleitete, konnte man ihre tiefe Verbundenheit mit der Stadt und vor allem mit der Bewegung, die von Coventry nach dem Krieg ausging, spüren. Dass Pat Teil der weltweiten Versöhnungsarbeit sein kann und in der Stadt lebt, die, wie keine zweite dafür steht, erfüllt sie sehr. Die Versöhnungsarbeit begann bereits am 14. November 1940, am Tag nach den Angriffen. Der damalige Dompropst Richard Howard schrieb mit Ruß an die Wand hinter dem zerstörten Altar die Worte Father forgive – Vater vergib. Er schrieb nicht forgive them, die Worte Jesu am Kreuz. Alle Menschen sind Sünder – dieser Gedanke ebnete den Weg für die beginnende Versöhnungsarbeit. Aus verbrannten Dachbalken wurden drei Nägel geborgen und zu einem Kreuz zusammengefügt: Das Nagelkreuz ist heute das Symbol der Nagelkreuzgemeinschaft für Frieden und Versöhnung. An diesem Ort zu stehen und diese Worte zu lesen, das war sehr bewegend. Der Sehnsucht nach Frieden und Versöhnung lässt sich an vielen Orten in der alten und neuen Kathedrale nachspüren. Da ist zum Beispiel die Bronzeplastik Chor der Überlebenden, die zum fünfzigsten Weihejubiläum von der Stiftung Frauenkirche Dresden an Coventry geschenkt wurde. Im Neubau der Kathedrale findet man die sogenannte Stalingradmadonna, eine Kopie einer Zeichnung, die Weihnachten 1942 in der Schlacht von Stalingrad angefertigt wurde. Das Original hängt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin. In Wismar, Heiligen Geist gibt es eine Statue, die nach Vorlage der Zeichnung angefertigt wurde. Und wir standen am Taufstein der Kathedrale. Er stammt aus Bethlehem und wurde von dort aus ohne Zollgebühren durch die freundliche Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft durch die Levante bis nach Coventry transportiert. Unseren Rundgang beendeten wir gemeinsam mit dem Gebet der Litany of reconciliation, dem Versöhnungsgebet. Es wird an jedem Arbeitstag in der Kathedrale gebetet. Einige Gemeinden haben dieses Gebet in ihre Praxis übernommen, beispielsweise die Rostocker Innenstadtgemeinde. Am Nachmittag führte uns Jack Fleming vom Reconciliation Ministry Team Coventry Cathedral in die Arbeit der Community of the Cross of Nails ein. Das Team der Kathedrale betrachtet die Versöhnungsarbeit als das Herzstück ihrer Arbeit. Sie wird dabei vom Archbishop of Canterbury unterstützt. Die Kathedrale begegnet zum einen der sehr pluralen Gesellschaft der Stadt Coventry, die durch viele Einwanderer und eine große Zahl Flüchtlinge geprägt ist. Ausgehend von der Erfahrung der Zerstörung im November 1940 engagiert sie sich aber auch weltweit um in vielen Konflikten Wege zur Versöhnung zu suchen. In einem gemeinsamen Programm der Cathedral, der Stadt, der lokalen Universitäten und der Diözese wird dazu alle zwei Jahre ein internationaler Friedenspreis verliehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg schickte die Gemeinschaft von Coventry Nagelkreuze in die ganze Welt. Aus Kiel kam eine Antwort und eine rege Partnerschaft ist gewachsen. Heute gibt es Partner in Nordamerika, Europa (vor allem Deutschland), Südafrika und seit neuestem auch in Neuseeland.

Donnerstag, 7. Mai: Auf Pilgerreise …
Heute begegneten wir vielen verschiedenen Menschen und haben viele Kilometer zurückgelegt. Zu Fuß, pilgernd durch die wunderschöne Landschaft Mittelenglands und mit dem Auto.
Zunächst trafen wir Terry in seiner Kirche. Er empfing uns mit Philip in einem Talar, der den unseren gar nicht ähnlich sah. Er war mit roten Knöpfen besetzt und einem breiten Gürtel tailliert. Die nächste Station war Leek. Zwei KirchenwächterInnen und Pastor Nigel begrüßten uns mit Tee und Kaffee, zeigten uns die Kirche und berichteten von den Gottesdiensten und Aufbrüchen in der Gemeinde.
Pastor Nigel erzählte von den vielen Gottesdiensten, die in der von uns besuchten St. Edwards-Kirche und den anderen fünf Kirchen seines Bereiches gefeiert werden. Es gibt Gottesdienste unterschiedlichsten Charakters, mit traditioneller Liturgie des Common-Book-of-Prayer, mit Liturgien, die an die der Kommunitäten von Iona und Taizé angelehnt sind, Jugendgottesdienste oder Schulgottesdienste.
Nigels Traum ist es, bald Bildschirme in der Kirche installieren zu können. Er liebt es, viele Bilder oder sogar Film-Clips in seine Predigten einzubauen. Und das alles, so erzählt uns Nigel, steht für ihn unter dem Ziel, die Menschen Gott näher zu bringen, ihnen von der Botschaft des Evangeliums zu berichten. Wie in Deutschland auch, seien aber nicht alle Menschen gleichermaßen von Neuerungen begeistert. Das brauche eben Zeit.
Unsere Pilgerwanderung am Nachmittag begann im Dovedale House. Heute wird dieses Haus vor allem als Jugendunterkunft genutzt und ist aber auch Ausgangspunkt der Pilgertouren der Community of St. Chad. Lizzy, eine der Mitarbeitenden vor Ort, erzählte uns auf beindruckende Art und Weise die Geschichte der lokalen Heiligen St. Bertram und St. Chad. Wir feierten mit den Mitarbeitenden eine zweisprachige Andacht. Krönender Abschluss unseres Aufenthaltes war eine gemeinsame Wanderung. Pilgrimage – die Pilgerschaft ist ein wichtiger Teil der Arbeit von Philip Swan, der uns durch die Tage in Lichfield begleitete. Wir wanderten über kleine Steinmauern, vorbei an Schafherden mit frisch geborenen Lämmern durch die erblühende Natur zu einer Höhle. Dort sangen wir gemeinsam und anschließend mussten wir Abschied nehmen von unseren Begleitern dieser Tage.

Freitag, 8. Mai: Besuch in Cranmer Hall
Michael Volland, Director of Mission, empfing uns in Cranmer Hall College, Durham. Er brachte uns das Konzept der Fresh Expressions (FX) und den Prozess, in dem es entwickelt wurde, nahe. Er ging von folgender Analyse der westlichen Gesellschaft aus: Menschen orientierten sich heute nicht mehr an ihrem Wohnort, sondern an ihrem Netzwerk, das vom Wohnort völlig entkoppelt sein kann. Menschen haben als zentralen Wert die persönliche Entscheidung, die Wahl einer Option aus mehreren verinnerlicht: Wir sind alle Konsumenten – auch in unseren religiösen Bezügen: „Was gibt es mir persönlich?“ FX seien deshalb nach Graham Cray durch fünf Merkmale ausgezeichnet: Sie gründen sich auf den dreieinigen Gott, orientieren sich an der Inkarnation, wollen Veränderung bewirken, wollen Menschen auf den Weg der Nachfolge führen, orientieren sich an Beziehungen. Wichtig sei, dass Christinnen und Christen offen kommunizieren, dass sie die Schätze des Glaubens anderen zugänglich machen wollen und zu einem Leben mit Jesus Christus einladen. Michael grenzte die FX gegen klassische Versuche der Missionierung oder Evangelisierung ab. Dennoch sei Ehrlichkeit über die Gründe des Handelns absolut notwendig. Er verwies auf Vincent Donovans Erfahrung, dass die Kirche sehr intensiv diakonisch und in Bildungsprojekten arbeiten kann, ohne von dem zu erzählen, was sie antreibt. Er erzählte uns von eigenen Erfahrungen in Gloucester. Dort startete Michael in seinem Wohnzimmer eine lose Gruppe, die sich regelmäßig zum Abendessen getroffen hat und gleichzeitig neue spirituelle Veranstaltungen in der Gloucester Cathedral ausprobierte. Michael betonte, dass FX für Menschen sind, die keinen Zugang zu einer verfassten Kirche gefunden haben. Dennoch seien diese kleinen, informellen Gemeinschaften echte Formen von Kirche. Offene Fragen sind, wie diese Gemeinschaften gegenüber den verfassten Kirchen verstanden werden können – z.B. eben als Teil der una sancta? Oder, wie sie Taufe und Abendmahl feiern können und wie sie sich an den Kosten des von der Church of England finanzierten Dienstes der pioneer ministers beteiligen werden? Werden sie einmal ausgereifte kirchliche Gemeinschaften werden? Und welche Auswirkungen hat das auf diese Gruppen? Um den Studenten dieses Konzept nahe zu bringen, werden sie zu zweit für sechs Monate im Rahmen eines 50%-Dienstes in Wohngebiete gesandt. Sie bekommen die Aufgabe das Leben dort tief zu beobachten. Es ist ihnen verboten mit der örtlichen Kirche Kontakt aufzunehmen. Sie sollen sich gedanklich von allen herkömmlichen kirchlichen Strukturen lösen können, um dann sehr kreativ ein valides FX-Angebot für dieses Gebiet zu entwickeln. Cranmer Hall leitet dann gute Vorschläge an die lokalen Kirchen weiter. Michael führte uns nach der Kaffeepause in das East Durham Mission Project ein. Die Region East Durham besteht aus neun Gemeinden, die ähnlich durch die Strukturschwäche und die Überalterung der Bevölkerung geprägt sind. Diese Gemeinden fanden schlicht keine Pastor_innen mehr, die dort arbeiten wollten. Aber anstatt die Arbeit einzustellen und Gemeinden großflächig zusammenzulegen, hat sich die Diözese unter Bishop Mark dazu entschlossen, Mittel freizusetzen und mit Veränderungen in der Stellenstruktur engagierte Menschen anzulocken. Michael Volland wurde beauftragt seit 2012 eine neue Form der Arbeit zu entwickeln. Die Region wird in Zukunft von einem Team aus area dean und vicars geleitet, das von Michael Vollant mit einer halben Stelle beraten wird. Eine bisher unattraktive Stelle wurde mit einem Lehrauftrag am Cranmer Hall College und einer Zuweisung von sechs Studenten als 50%-Stellen zur Unterstützung der vicars aufgewertet. Eine weitere Stelle wurde als area dean ausgeschrieben. Die Idee, in schwierige Kontexte massiv Ressourcen zu investieren, statt Mittel einzusparen, hat in unserer Gruppe viel Zuspruch gefunden. Michael beschrieb aber auch die Schwierigkeiten aus der Zeit, als er den Gemeinden Hoffnung und Vision zurückzugeben versucht hat. Es sei wichtig die Spirale der Hoffnungslosigkeit und das Festhalten an der Trauer über den Verlust einer Vergangenheit zu durchbrechen. Dabei sei er auf versteckte Barrieren im Kopf gestoßen: „Wir gehen nicht in dieses Dorf, weil vor es vor 25 Jahren Streit gegeben hat …“ Hier ermutige er die Leute neue Erfahrungen miteinander zu machen. Dem dient auch das neu installierte regelmäßige Treffen der church wardens der Region. Ziele des Projekts sind: Die Gemeinden zu geistlich und zahlenmäßig messbarem Wachstum (Mitglieder, Ressourcen) zu führen und dieses zu ermöglichen. Möglichkeiten, neue Formen von Kirche ins Leben zu rufen, zu erkennen und dann aktiv umzusetzen. In diesem Prozess hat Michaels Team mit den Gemeinden erfahren, was förderlich ist, um diese Ziele umzusetzen: Gebet (prayer) Kraft (energy) Begegnung schaffen (bringing people together) Sich bemühen, Dinge möglich zu machen Die Menschen vor Ort einbinden Leben in der Nachfolge (discipleship) Neue Visionen für die Rolle der Pastor_innen (rethink pastoral ministry) Zum Abschluss teilte Michael mit uns Gedanken, wie wir mit schwierigen Kontexten der Arbeit umgehen und darin bestehen können. Wichtig sei zum einen ein diszipliniertes und gesundes Gebetsleben zu führen und sich eine/n spiritual director zu suchen, die/der auf dieses Gebetsleben achtet und Anstöße gibt, wie: „Gewöhne Dich daran, Dich selbst und andere zu enttäuschen!“ Zweitens sei es wichtig, zu unterscheiden, in welche Beziehungen wir einsteigen wollen und in welchem Maß, sonst läuft der Kalender voll und es gibt keinen Raum für FX mehr.
 
Freitag, 8. Mai: Besuch der Lindisfarne Regional Training Partnership
Cathy Rowling, Principal des Lindisfarne Regional Training Partnership, begrüßte uns sehr herzlich in den Räumen der Ausbildungsstätte in Durham. Zu Beginn schaute sie auf eine für beide Partnerinstitutionen sehr bereichernde Partnerschaft mit dem Predigerseminar der Nordkirche in Ratzeburg zurück. Durch unseren Besuch haben wir die Verbindung unserer Ausbildungsstätten einmal mehr gestärkt. Nach einem reichhaltigen Buffet und einer Tasse Tee oder Kaffee stellte Cathy uns die Arbeit von Lindisfarne vor. Das Haus bildet mit einem sehr praxisbasierten Ansatz Menschen verschiedenen Alters für Ordained Ministries in der Church of England aus. Ein weiterer Zweig der Arbeit besteht in der Ausbildung von Readers. Diese Laienpriester helfen den Vicars ihrer Gemeinden besonders durch das eigenständige Feiern von Wortgottesdiensten. Zusätzlich bietet Lindisfarne theologische Kurse für interessierte Gemeindemitglieder an. In kleinen Gesprächsgruppen hatten wir Gelegenheit zum Austausch mit Cathy Rowling, David Bryan, Director of Studies and Tutor for Ordinands, Michael Beck, Tutor for Reader Training, und George Lackenby, einem Polizisten im Ruhestand, der in Lindisfarne zum Priester ausgebildet wurde und gegenwärtig als curate in Gateshead arbeitet. In den Gruppen konnten wir uns über die Ausbildung in Ratzeburg und Lindisfarne ebenso austauschen, wie über die Bedeutung der vocation und die wachsende Bedeutung der Readers. Lindisfarne bietet für diese, den Prädikanten vergleichbare Gruppe von Ehrenamtlichen, ein siebenjähriges Ausbildungsprogramm an. In den ersten zwei Jahren werden in Kursen die Grundlagen der Arbeit vermittelt. Danach bietet das Seminar eine sehr ausführliche, intensive Begleitung der Readers im Kontext ihrer Gemeinde an. Die Partnerschaft wurde besonders spürbar, als unsere Gruppe mit den Dozenten unter der Leitung von Cathy zwei Schweigeminuten zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und des Sieges über Nazi-Deutschland gehalten hat. Wie Principal Rowling betonte, ist dieser Sieg die Grundlage für einen seit siebzig Jahren währenden Frieden zwischen unseren Völkern und in Europa. Möge Gott alle segnen, die daran arbeiten eine immer tiefere Gemeinschaft der Völker zu schaffen und die Menschen auf dem Weg der Versöhnung helfen. Mit dem Vater Unser in der jeweiligen Muttersprache beendeten wir diese Zeremonie des Gedenkens.

Freitag, 8. Mai: Empfang im Haus des Bishop of Jarrow
Am Abend waren wir im Haus des Bishop of Jarrow, Mark Bryant, zu einem Empfang eingeladen. Mit sehr herzlichen Worten begrüßte Bishop Mark uns in seinem Wohnzimmer. Wir begegneten curates und students aus Durham. Bei Lasagne und Kuchen vertieften wir die Partnerschaft unserer Kirchen und gaben uns gegenseitig Einblicke in die Situation der Arbeit in unseren Gemeinden. Das köstliche Buffet, die Segensworte des Bischofs und die freundliche Aufnahme von allen Seiten zeugen einmal mehr von der wundervollen Gastfreundschaft unserer englischen Partnerdiözese. Vielen Dank!

Samstag, 9. Mai: Mit Keith Lumsdon unterwegs in Jarrow
Heute besuchten wir mit Keith Lumsdon, dem Partnerschaftsbeauftragten der Diözese Durham, St. Paul in Jarrow. Diese Kirche wurde 685 geweiht und wurde aus Steinen des HadriansWalls gebaut. Sie war Teil eines angelsächsischen Klosters. Im ältesten Teil der Kirche befindet sich ein Fenster, dass Benjamin Biscop geweiht ist, dem ersten Abt des Klosters in Jarrow und dem Lehrer von Beda venerabilis. Es zeigt das Jarrow Cross, das Benjamin Biscop errichtete, nachdem er und Beda als einzige einen Ausbruch der Pest überlebt hatten. In St. John the Baptist, Jarrow, trafen wir mit Frauen und Männern aus Keith’ ehemaliger Gemeinde zusammen. Sie haben uns ganz wunderbar mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Die englische Gastfreundschaft ist wirklich sehr beeindruckend. Anschließend fuhren wir an die Küste. In South Shields, einer Hafenstadt, aßen wir „fish and chips“.
 
Samstag, 9. Mai: Future Fresh Expressions in Newton Aycliffe
In Newton Aycliffe begegneten wir Christopher Pearson, Pastor von St. Clare. Chris wurde als pioneering minister von der diocese nach Newton Aycliffe, einer der struktur- und einkommensschwächsten Regionen Englands, entsandt. Seine Aufgabe ist es, in der Gemeinde Projekte von fresh expressions (FX) zu entwickeln. In seiner Kirche St. Clare’s gibt es eine sehr erfolgreiche Arbeit mit messy church (http://www.messychurch.org.uk). Diese wird von einer Gruppe Ehrenamtlicher getragen. Chris ordnete messy church aber eher als traditionelle Form der Arbeit ein, die einfach gut gemacht wird: „So wie traditionelle Kirche sein sollte“. In der Kirche St. Francis will er mit seinem Team versuchen eine fresh expression zu entwickeln. Die Kirche wurde in den sechziger Jahren als gemeinsames Gebäude für eine Kirche und eine Schule gebaut. Während die Gemeinde in den letzten Jahren große Schwierigkeiten hatte, ist die Schule in der lokalen Bevölkerung gut verankert. Chris teilte mit uns seine Überlegungen eine schulbasierte Arbeit zu beginnen. Als pioneer minister ist er erst ein Jahr in der parish. Die ersten Monate haben ihm dazu gedient die Menschen vor Ort und ihre Fragen kennenzulernen. Er fragt dabei: Wer sind die Menschen hier vor Ort? Wie gestalten sie ihr Leben? Was ist ihnen wichtig? Wie sehen sie sich und ihr Leben? Seine Beobachtung ergab, dass viele Menschen kaum Beziehungen haben, die damit verbunden sind, sich an einem Ort mit vielen anderen zu treffen. Sie gehen weder in die Kirche, noch in den Pub. Das ist die Herausforderung, mit der er umgehen wird. Eine andere Beobachtung war, dass viele Menschen keine Beziehung zu den gegenwärtigen Formen von Gottesdienst finden können. Alte und Junge finden diese Art von Kirche ermüdend und langweilig. Die Aufgabe von FX ist daher, eine „passende“ Form von Kirche zu entwickeln. Es war sehr interessant zu hören, dass FX eben nicht „Eingangstür“ zu „normalen“ Gemeinden sind, sondern im Gegenteil eine ganze eigene und unabhängige Form christlichen Lebens darstellen. Das Ziel der fresh expressions ist nach Chris, Menschen für ein Leben mit Jesus zu begeistern, statt sie als Mitglieder einer klassischen Gemeinde zu gewinnen. FX ist dabei auf alle gerichtet (Twentysomethings, junge Familien ebenso wie junge Senioren) die bisher keinen Kontakt zur Church of England oder einer anderen Kirche halten. Chris machte uns zusätzlich darauf aufmerksam, dass diese neue Art, Gemeinde zu bilden, nur mit einer Menge neuer Ressourcen geleistet werden kann. Die Diözese würde hier „Risikokapital“ investieren, statt Ressourcen aus „unrentablen“ Situationen abzuziehen. Das wäre mit dem Druck verbunden, sich vor der Finanzbehörde der Kirche zu rechtfertigen. Trotzdem habe der Bischof sich darauf eingelassen. Dabei sei keinesfalls sicher, dass am Ende in St. Francis tatsächlich eine funktionierende FX wachsen würde. Gegenwärtig erfordert seine Arbeit viel Geduld und den Mut zur Ehrlichkeit in der Analyse der Situation.
 
Sonntag, 10. Mai: Letzter Tag
Heute erlebten wir einen bewegenden Gottesdienst in Keiths Gemeinde. Die Predigt über Liebe war mit der Einspielung des Beatles Songs All you need is love und Fragen an die Gemeinde (“What is your favourite lovesong?”), die auch behänd beantwortet wurden, ein bisschen anders, als manche „deutsche” Predigt. Berührend war auch, dass einige aus unserem Kurs aktiv am Gottesdienst beteiligt sein konnten. Beim anschließenden Kirchenkaffee, was einmal mehr ein Beispiel für die wunderbare Gastfreundschaft der englischen Gemeinden war, konnten wir zahlreiche Gemeindemitglieder besser kennenlernen. Tatjana Pfendt, unsere Kurssprecherin übergab schließlich unsere Gastgeschenke an Keith und die Gemeinde. Und mit zwei mehrstimmig vorgesungenen Liedern taten wir alle noch einmal unser Bestes, um uns erkenntlich zu zeigen. Dann kam das, worauf sich viele schon einige Zeit freuten: Freizeit und Shoppen in Durham. Die letzten Mitbringsel für Ehefrauen, Kinder und Freundinnen und Freunde wurden besorgt, noch einmal ein Blick in die romanische Kathedrale geworfen, Kaffee unter freiem Himmel getrunken, mit anderen Menschen in der Fußgängerzone gesungen und überhaupt das Leben genossen.

Claudia Köckert, Johanna Levetzow und Martin Doß
  • Barbara Churchwarden in Jarrow StJohns
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